Nachbericht 2018

Die Digitalisierung in den Alltag bringen
Zwischenfazit nach einem Jahr Digitalisierungsstrategie Baden-Württemberg

Anfang Juli 2018 fand in Stuttgart der Digitalisierungskongress Baden-Württemberg 4.0 statt. Mit über 400 Teilnehmern konnte der Wert aus dem letzten Jahr problemlos übertrumpft werden. Der Fachkongress startete am Morgen mit einer Rede des baden-württembergischen Landes-CIO/CDO Stefan Krebs. Dieser freute sich ausdrücklich über den Zuwachs aus dem kommunalen Umfeld, da es für ihn ein wichtiges Anliegen sei, “dass die Digitalisierung im Alltag der Menschen ankommt. Die Digitalisierung geht nämlich nicht mehr wieder weg.” Der CIO/CDO will dabei mit seinem Bundesland vorangehen und anderen dabei helfen, mit der neuen digitalen Welt arbeiten zu lernen.

Krebs betonte in seinem Vortrag, dass vieles, was im vergangenen Jahr auf der Premierenveranstaltung des Fachkongresses für die Zukunft vorgestellt wurde, heute entweder in der Umsetzung begriffen oder sogar schon realisiert sei. Dennoch gebe es noch viel zu tun: “Baden-Württemberg ist ein Erfolgsmodell, aber der wirtschaftliche Erfolg im Land beruht zu großen Teilen auf Hardwarelösungen. Die Digitalisierung legt allerdings den Fokus sehr deutlich auf die Softwareseite, wo wir noch Nachholbedarf haben.” Viele Unternehmen seien erfolgreich, weil sie etwas können, das andere nicht können. Die Digitalisierung gefährde aber genau dieses Prinzip, da sich Fachwissen im Zuge der digitalen Revolution mehr und mehr zu Common Knowledge entwickele. Daher müsse das Land seine Wirtschaft für die Softwareseite der Digitalisierung vorbereiten und fit machen. Der zentrale Bereich gesellschaftlich und markttechnisch hervorzuhebender Macht liegt für den Digitalisierungschef des Landes bei der Software und den Steuerungssystemen vor allem im Smart-Home-Bereich. Genau hier sei allerdings auch die Datensicherheit besonders anfällig für Gefährdungen und Angriffe, sodass es hier einer strikten Gesetzgebung bedürfe, die nur Systeme zulasse, die eine größtmögliche Sicherheit mit sich brächten.

digital@bw

In der Folge stellte Krebs die Digitalisierungsstrategie des Landes Baden-Württemberg mit dem Titel “digital@bw” vor, deren Förderung zu Jahresbeginn gestartet ist und die nun vielfältige Bereiche der digitalen Welt angehen sowie Entwicklungen in diesen Bereichen mit Millionenbeträgen fördern soll. Damit sie in der Bevölkerung auch angenommen werde und Bürgern sowie Unternehmen wirklich nutze, habe man sie bewusst in einem interaktiven Prozess entwickelt, erklärte Krebs. Die Strategie wurde demnach um vier Querschnittsthemen und sechs Schwerpunkte herum aufgebaut, die Verwaltung und Kommunen digital aufstellen, gleichzeitig eine ausgewogene Datensicherheit sicherstellen und Themen wie digitale Gesundheit, intelligente Mobilität und auch die Bildung und Weiterbildung in der digitalen Gegenwart und Zukunft in den Fokus der Landesentwicklung stellen. Gleichzeitig sollen aber auch Start-ups als “Treiber der Digitalisierung” vom Staat gefördert werden, um sich die Leistungen und das kreative Potenzial der jungen Unternehmen nicht entgehen zu lassen. Grundsätzlich soll die Strategie dazu führen, dass Baden-Württemberg weiter in Entwicklungs- und Innovationsthemen vorne mitspielt. Zu dieser Entwicklung gehöre auch, dass Wert auf Nachhaltigkeit gelegt werde und schnelles Internet überall in den urbanen Zentren wie auch auf dem Land verfügbar sei, um alle Standorte gleichermaßen zu stärken.
Die Förderung des Landes ist dabei bis zum Jahr 2021 auf insgesamt eine Milliarde Euro ausgelegt und unterstützt derzeit mehr als 70 Projekte, die ressortübergreifend umgesetzt werden. Leuchtturmprojekte sind dabei das Testfeld für autonomes Fahren in Karlsruhe, mit dem erstmalig in Deutschland eine Kombination von Autobahn, Stadt- und Landstraßen den gesamten Verkehr repräsentativ abbilden kann, und die gesetzlichen Anpassungen für eine sinnvolle Einführung von Telemedizin, denn “die ist für Allerweltsuntersuchungen ein super Mittel zur Ferndiagnostik”, wie Krebs erklärte. “Die Zukunft von Kommunen und Verwaltung ist digital. Deswegen fördern wir mit digital@bw neben dem E-Government auch viele Projekte zu Smart City und der Digitalisierung im ländlichen Raum, zu Smart Justice und zum Finanzamt der Zukunft.”
Im Zuge der Bemühungen zur Cyber-Sicherheit wird derzeit außerdem eine digitale Schutzeinheit mit dem Planungstitel “Cyberwehr” debattiert. Denn wenn ein Angriff vorgekommen sei, könne das Landeskriminalamt zwar Ermittlungen zur Täterschaft aufnehmen, Hilfsangebote bei der Datenwiederherstellung gebe es aktuell allerdings noch nicht und auch die Expertise sei hier noch recht begrenzt ausgeprägt. “Es ist wichtig, eine solche Schutzeinheit einzurichten, damit wir bei Angriffen Daten retten und die Arbeitsmöglichkeiten so schnell wie möglich wiederherstellen können.” Wie genau eine solche Cyberwehr dann mit dem BSI zusammenarbeiten könnte, müsse im weiteren Verlauf der Planungen konkretisiert werden.

Innovation ist kein Selbstläufer

Im weiteren Programm des Kongresses war der Landes-CIO/CDO auch Teil einer Diskussionsrunde zu den Erfolgsfaktoren und Hürden, die bei der Umsetzung von Digitalisierungsstrategien auftreten können. Dr. Christine Brockmann, Geschäftsführerin der Metropolregion Rhein-Neckar, mahnte in der Diskussion an, dass Innovation kein Selbstläufer sei, sondern stattdessen dringend vom Staat organisiert werden müsse: “Vernetzung und Zusammenarbeit untereinander müssen organisiert werden und schon im Vorfeld muss ein klares gemeinsames Verständnis über konkrete Zielsetzungen definiert werden. Da wird in der Praxis noch viel zu häufig aneinander vorbeigeredet.” Gleichzeitig sprach Brockmann sich für eine Nutzerzentrierung aus, damit Angebote auch tatsächlich genutzt würden. Durch die Einbindung von Bürgern und Unternehmen schon in der Entwicklung bekomme man ein viel besseres Bild davon, was wirklich wichtig sei und welche Funktionen vielleicht gar nicht benötigt würden. Grundsätzlich sei eine digitalisierte Verwaltung aber zwingend umzusetzen: “Ohne eine Verwaltung 4.0 gibt es auch keine Industrie 4.0, von Bildung und Medizin ganz zu schweigen”, so Brockmann.


Stefan Krebs stellte auf dem Kongress die Strategie vor, die das Land in den nächsten Jahren zum digitalen Vorreiter machen soll. Foto: BS/Wim Orth


Auf dem Podium diskutierten (v.l.n.r.) Michael Seipel, Partner bei Cassini Consulting, Guido Gehrt, Leiter der Bonner Redaktion des Behörden Spiegel, Stefan Krebs, CIO/CDO der Landesregierung Baden-Württemberg, Edgar Buhl, Kanzler der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd, sowie Dr. Christine Brockmann, Geschäftsführerin der Metropolregion Rhein-Neckar, untereinander und mit dem Publikum über die Chancen und Herausforderungen bei der Umsetzung von Digitalisierungsstrategien. Foto: BS/Bildschön GmbH, Scheyhing

Technik nur Mittel zum Zweck
Ganzheitliche Digitalisierungsstrategien in den Kommunen

Anfang Mai wurden durch Baden-Württembergs Innen- und Digitalisierungsminister Thomas Strobl die Sieger des Landeswettbewerbs “Digitale Zukunftskommune@bw” gekürt. Vier Städte (Heidelberg, Karlsruhe, Ludwigsburg und Ulm) und ein Landkreisverbund machten das Rennen und werden nun zu digitalen Zukunftskommunen ausgebaut. Im Rahmen des Wettbewerbs wurden zudem 50 weitere Kommunen ausgewählt, die fortan auf ihrem Weg ins digitale Zeitalter unterstützt werden sollen. Insgesamt nimmt das Land dafür 7,6 Millionen Euro in die Hand. Drei der Gewinner stellten auf dem Kongress ihre kommunalen Digitalisierungsvorhaben vor.

Ludwigsburg setzt seit Jahren auf eine nachhaltige und ganzheitliche Stadtentwicklungsstrategie. Die digitale Veränderung auf allen Ebenen hilft der Kommune dabei, diese Ziele schneller zu verwirklichen. Dies zeigt sich etwa bei der digitalen Behördenhelferin “L2B2” oder beim lernfähigen Verkehrsleitrechner, der permanent das Verkehrsaufkommen überwacht und daraufhin die Ampelschaltung optimiert, um einen möglichst flüssigen Verkehr zu gewährleisten oder Rettungskräften eine freie Fahrt zu ermöglichen.
Im Innovationsnetzwerk “Living LaB” kooperiert die Stadt Ludwigsburg mit Partnern aus Wirtschaft, Industrie und Forschungseinrichtungen und entwickelt auf Basis dieser Zusammenarbeit vielfältige Ideen für Innovationen in der Kommune. Dabei werden auch die Bürger eng eingebunden, um deren Wünsche, Bedenken und Ideen zu berücksichtigen. “Es ist wichtig, die Informationen ständig breit zu streuen, um die Bürger mitzunehmen”, erklärte Martin Berhalter von der Geschäftsstelle “LivingLaB”. Die einzelnen Digitalisierungsprojekte sind in Ludwigsburg in einer “Smart City Cloud” miteinander vernetzt. Ein zentrales Vorhaben der nächsten Zeit ist die Entwicklung eines datensicheren digitalen Bürgerservices, der notwendige Verwaltungsvorgänge, etwa bei der Geburt eines Kindes, digital abbilden soll. Berhalter machte jedoch auch deutlich, dass der analoge Zugang zur Verwaltung auch dann weiterhin erhalten bleiben soll und die Bürger entscheiden könnten, welchen Kanal sie für ihre Kontakte zur Verwaltung wählen.
Das Zielbild eines “Landratsamt 4.0” verfolgt man im Landkreis Karlsruhe, ebenfalls einer der Sieger des Wettbewerbs, gemeinsam mit den Landkreisen Biberach, Böblingen, Konstanz und Tuttlingen. Die Umstellung auf elektronische Verwaltungsprozesse ist auch dort in vollem Gange. Eines der zentralen Vorhaben ist aktuell der Auf- bzw. Ausbau des Serviceportals, über welches knapp 2.000 verschiedene Dienste rund um den Arbeitsplatz abgerufen bzw. beantragt werden können. Derzeit verzeichnet das Portal bereits über 100.000 Bestellungen im Jahr. Gemeinsam haben die Landkreise ein E-Learning-Projekt gestartet, um bestehende Fort- und Weiterbildungsangebote zu ergänzen.
Auch auf dem Weg zum “Digitalen Landkreis Karlsruhe” ist die Beteiligung der Bürger und anderer Stakeholder von zentraler Bedeutung. “Digitalisierung ist ein umfassender, strategischer Veränderungsprozess. Technik ist dabei nur ein Mittel zum Zweck”, brachte es Ragnar Watteroth, Leiter des Dezernats Finanzen und Beteiligungen im Landratsamt Karlsruhe, auf den Punkt. Ein Erfolgsfaktor von Digitalisierungsprozessen liegt für ihn auch darin, mit neuen Angeboten möglichst frühzeitig an den Start zu gehen und – anders als es bislang gelebte Praxis ist – eine Produktivsetzung bei 90 Prozent zu wagen.
Bürger- und Nutzerorientierung einerseits sowie das Zusammenbringen von Menschen aus unterschiedlichen Fachrichtungen: Dies sind zwei zentrale Punkte der digitalen Agenda der Stadt Ulm, welche die Leiterin der gleichnamigen Geschäftsstelle, Sabine Meigel, den Teilnehmern näherbrachte. Grundvoraussetzung für den Erfolg eines solchen Ansatzes seien der Abbau von Silodenken, eine querschnittsorientierte Herangehensweise und eine Bottom-up-Entwicklung aus der Stadtgesellschaft heraus. Auf dieser Grundlage könne es dann gelingen, den Bürgern und Unternehmen integrierte digitale Angebote zu machen, wie Meigel anhand des Wochenmarkts “Stifterweg” aufzeigte.
Die digitalen Zukunftskommunen werden auf ihrem Weg vom Fraunhofer-Institut IAO begleitet, welches den Auftrag zur Begleitforschung erhalten hat. Hierbei geht es einerseits um die wissenschaftliche Betreuung der Gewinnerkommunen durch die Etablierung eines kontinuierlichen Wissensaustauschs zwischen den Kommunen sowie deren fachliche Beratung. Andererseits solle Fraunhofer IAO einen Leitfaden zur Erstellung ganzheitlicher kommunaler Digitalisierungsstrategien entwi­ckeln, wie Willi Wendt, Teamleiter Urban Data und Resilience bei Fraunhofer IAO, berichtete. Dieser solle sich, auf der Basis der Erkenntnisse aus allen Gewinnerprojekten, an alle Kommunen in Baden-Württemberg richten.

Direkt an der Wurzel anpacken
Wie der digitale Wandel gestaltet werden kann

“Wie digitalisiert sind unsere Prozesse und haben wir sie von Ende-zu-Ende gedacht?”, fragte Prof. Dr. Birgit Schenk, Professorin für Verwaltungsmanagement an der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen Ludwigsburg, bei Baden-Württemberg 4.0 in den Raum. Schnell werde deutlich, wo die Defizite liegen und welche Hausaufgaben die Ministerien übernehmen müssen.
Die Volkshochschule Herrenberg arbeitet an einem Dozierendenportal, bei welchem sich Interessenten online bewerben, bestätigen und ihre Kurse planen können. “Unsere Projektgruppe ist von den Wertversprechen wie einer Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit, mobilen und papierlosen Lösungen und vor allem Einfachheit ausgegangen. Auf dieser Basis haben wir herausgearbeitet, was es dann dementsprechend für Funktionen benötigt”, erläuterte Projektmitarbeiter Christoph Sprich aus der Personal- und Organisationsabteilung im Landratsamt Tübingen. Vor allem durch die fachfremde Sicht von Nicht-Dozenten seien Konzepte entstanden, die Probleme “direkt an der Wurzel packen. Wenn eine kleine Volkshochschule dies kann, dann werden größere Organisationen dies auch können”, so sein Fazit.
Wobei Dr. Daniela Oellers, Leiterin der Stabsstelle “Projekt Landeseinheitliche E-Akte” aus dem baden-württembergischen Innenministerium dies kritisch betrachtet: “Durch solche Spezifikationen entstehen wieder Silos, das Portal serviceBW soll hierbei eben solche abbauen und für vereinheitlichte E-Government-Anwendungen sorgen.” Wobei Sprich erwiderte, dass er nicht den Eindruck habe, dass das Portal die spezifischen Anforderungen der Volkshochschule erfüllen würde.

Der Wandel scheint unabwendbar

Einig war man sich in einem Punkt: “Die Digitalisierung ist für die Verwaltungen notwendig, denn sie wird diese am Laufen halten. Sie wird jene Arbeit auffangen, die durch den Personalmangel nicht anders kompensiert werden kann”, zeigte Jan Tiessen, Senior-Projektleiter im Bereich Organisation der Pro–gnos AG, die Zukunftstendenzen auf. Auch das Arbeiten werde sich verändern. Mehr Flexibilität, abteilungsübergreifendes Arbeiten und mehr Projektarbeit sowie Experimentierräume würden auch in die Verwaltungen einziehen.
Jedoch verändere sich die Art zu arbeiten nicht über Nacht, es brauche Spielräume. “Aber dafür bräuchten wir eine Gesetzesänderung. Wir hätten gerne eine Experimentierklausel, die aus unserer Sicht dringend nötig ist”, unterstützte Alexander Kozel vom Städtetag Baden-Württemberg neue Freiräume für Verwaltungsmitarbeiter. Momentan müsse deshalb noch der Graubereich ausgenutzt werden, soweit, dass Innovationen entstünden. Jedoch sei dieser Bereich begrenzt.

Die Hausaufgaben der Ministerien

Deshalb hängt die Digitalisierung auch viel von höheren Ebenen und damit von den Führungskräften ab. Dr. Jutta Lang, Generalsekretärin von der Führungsakademie Baden-Württemberg, äußerte sich zu den bisherigen Erfahrungen mit Führungspersonen: “Wir bilden seit Jahren die digitale Führungsriege aus. Am mangelnden Zuspruch scheitern diese Themen nicht. Es gibt einen großen Drang und ein großes Interesse, Hilfestellung zu geben und zu erhalten.” Es müsse der Spagat gefunden werden, zwischen den Freiräumen und dem Tagesgeschäft der Mitarbeiter. “Aber diesen Punkt, die notwendigen Freiräume zu schaffen, sehe ich als den Schlüssel für den Erfolg an.”
Gleichzeitig bedeuteten mehr Freiheiten nicht nur rechtlich freiere Rahmenbedingungen. Dr. Markus Reiners aus der Stabstelle für Digitalisierung im baden-württembergischen Innenministerium war der Meinung, dass die “Ministerien die Digitalisierung eher steuernd und koordinierend die Prozesse begleiten sollten. Beispielsweise können die jeweiligen Innenministerien die Anstöße liefern und den Rahmen vorgeben.” Hinsichtlich der Kommunen sehe er zwar wenig Vorbilder, aber an jenen Modellkommunen, die vorhanden seien, könne man sich orientieren. Wichtig sei, dass die Digitalisierung zwar oft auf den höheren Ebenen angesiedelt werde, aber ebenso ein Prozess implementiert werden müsse, durch den die Mitarbeiter ihre Ideen und Innovationen “nach oben tragen können”.

Kommunikation: das A und O

Dass die Kommunikation nicht nur von oben nach unten stattfinden darf, verdeutlichte auch Gerhard Rempp, Senior Manager bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG: “Wir haben oft ein klassisches “Wasserfallvorgehen”. Ein Konzept wird entwickelt und dann nach unten delegiert, beispielsweise in die IT, die es dann umsetzen soll.” Aber oft komme es dann zu Verständnisschwierigkeiten zwischen den Fachkräften und den anderen Mitarbeitern beziehungsweise der Führungsebene. Hilfreich seien standardisierte Sprachen, wie sie in Geschäftsprozessmodellen vorkämen. Diese würden helfen, die Modellierung und Ausgestaltung des Konzeptes in der Fachabteilung vorzunehmen und die IT auf der Basis einer gemeinsamen Sprache sie zu programmieren, erläuterte der Rempp.


Dr. Daniela Oellers, Leiterin der Stabsstelle “Projekt Landeseinheitliche E-Akte”, sieht manche Alleingänge in der IT kritisch, weil wieder das Silo-Denken und –Handeln gefördert würden. Foto: BS/Bildschön GmbH,Scheyhing

Konsolidieren – mit Realitätssinn
IT-Dienstleister als enge Begleiter der Digitalisierung

Nachdem die Landesverwaltung mit IT Baden-Württemberg (BITBW) bereits seit dem 1. Juli 2015 einen zentralen IT-Dienstleister hat, folgte exakt drei Jahre später mit der Gründung der ITEOS das Pendant auf der kommunalen Ebene. Die Chefs beider Häuser beteiligten sich auf dem Kongress an einer von ÖFIT-Leiter Prof. Dr. Peter Parycek moderieren Diskussion zur IT-Konsolidierung bei Staat und Kommunen.

William Schmitt, Vorstandsvorsitzender der ITEOS AöR, stellte das neue Unternehmen vor. Die Gründung der “ITEOS” erfolgte zum 1. Juli 2018 durch Beitritt der Zweckverbände “Kommunale Datenverarbeitung Region Stuttgart” (KDRS), “Kommunale Informationsverarbeitung Reutlingen-Ulm” (KIRU) und “Kommunale Informationsverarbeitung Baden-Franken” zur Datenzentrale Baden-Württemberg (DZBW). Als Anstalt öffentlichen Rechts in gemeinsamer Trägerschaft von Land und Kommunen soll die ITEOS ihre Kunden auf den, Weg in eine zunehmend technologiebasierte Zukunft mit eigenen cloudbasierten Lösungen zum Nutzen der Bürger und der Gesellschaft beraten und begleiten.

An die Arbeit

Das Unternehmen will dabei qualitativ hochwertige und marktfähige IT-gestützte Lösungen und Services anbieten, die sich an den Bedürfnissen und Anforderungen ihrer Kunden ausrichten. Konkret beschafft, entwickelt und betreibt ITEOS für ihre Kunden Verfahren der automatisierten Datenverarbeitung und erbringt unterstützende Dienstleistungen der Personalverwaltung sowie Beratungs- und Schulungsleistungen. Der neu entstandene kommunale IT-Dienstleister hat an insgesamt sieben Standorten in ganz Baden-Württemberg derzeit über 1.600 Mitarbeiter. “Wir sind gut aufgestellt, jetzt beginnt die Arbeit!” lautete Schmitts Fazit. Man wolle ein enger Begleiter bei der digitalen Transformation der rund 1.100 Kommunen in Baden-Württemberg sein.

Gute Zahlen bei BITBW

IT Baden-Württemberg (BITBW) ist als Landesoberbehörde seit Juli 2015 der zentrale IT-Dienstleister in der Landesverwaltung und ein Kernstück der IT-Neuordnung im Land. Zum BITBW-Produktportfolio gehört der sichere Betrieb, die Pflege und Weiterentwicklung der Landes-IT. Aufgrund einer gesetzlich verankerten Abnahmeverpflichtung kaufen alle Einrichtungen und Dienststellen der unmittelbaren Landesverwaltung ihre IT-Dienstleistungen bei der BITBW ein, die derzeit rund 450 Mitarbeiter beschäftigt. Christian Leinert konnte den Teilnehmern in Stuttgart einige Erfolgszahlen präsentieren. So wurde der Umsatz seit Bestehen von BITBW insgesamt um rund 70 Prozent gesteigert, allein das vergangene Jahr schlägt dabei mit einem Plus von rund 40 Prozent zu Buche. Zudem hat der IT-Dienstleister in den letzten drei Jahren auch beim Personal einen deutlichen Aufwuchs zu verzeichnen – plus 30 Prozent.

Aus 17 mach drei

Umfängliche Erfahrung bei der IT-Konsolidierung hat auch T-Systems. Nicht nur was die Unterstützung externer Projekte angeht, sondern auch mit Blick auf das eigene Unternehmen, wie Jürgen Breithaupt, Lösungsberater bei T-Systems International, berichtete. So habe man die Zahl der eigenen Rechenzentren in Deutschland in den letzten Jahren von ursprünglich 17 auf drei reduziert. Die technologische Grundlage hierfür liege insbesondere in der IT-Virtualisierung und dem Einsatz von Cloud-Lösungen.
“Die IT folgt nicht notwendigerweise einer fachlich motivierten Zuständigkeit”, so die These von Ansgar Kückes, Public-Sector-Experte von Red Hat. Daher sei es wichtig, dass die IT-Governance und Infrastrukturverantwortung beim IT-Dienstleister liege und dieser stabile Angebote in Form von Basisdiensten liefere, die sich an den Anforderungen der Fachverantwortlichen ausrichteten.
Kückes machte sich zur Vermeidung einer zu starken Bindung an einzelne Lösungen auch für den Einsatz offener Architekturen und Standards stark.

Gefahr der Oligopolisierung

Mit Blick auf die Beschaffungskonsolidierung teilte Michael Seipel, Partner bei Cassini, Kückes Bedenken. Auch erst sieht die Gefahr einer “Oligopolisierung”. Zudem müsse man sich bei der Konsolidierung darüber im Klaren sein, dass es auch weiterhin Behörden geben werde, die sich aufgrund besonderer Anforderungen nicht vollumfänglich konsolidieren ließen. Ganz pragmatisch sah dies BITBW-Präsident Leinert. Man solle das machen, was realistisch. Hierbei ist für ITEOS-Chef Schmitt letztlich auch die Nutzerperspektive von entscheidender Bedeutung.


BITBW-Präsident Christian Leinert weiß, dass Synergieeffekte zwar ein maßgebliches Kernziel der IT-Konsolidierung sind, sich aber nicht in allen Bereichen heben lassen. Foto: BS/Bildschön GmbH, Scheyhing

Das Damoklesschwert der Digitalisierung
IT-Sicherheit wird immer komplexer – und Angriffe immer einfacher

Das Gefahrenpotenzial von Cyber-Angriffen ist auf ein bisher ungekanntes Höchstmaß angewachsen. Attacken, die vor einigen Jahren noch ein fundiertes Expertenwissen vorausgesetzt haben, sind inzwischen im Darknet kostengünstig als “Cyber Crime as a Service” für jedermann als Dienstleistung einkaufbar und stellen so eine stetig steigende Gefährdung für die Behördenlandschaft dar.
So können gewöhnliche Kriminelle finanziell extrem einträgliche Attacken, wie beispielsweise Ransomware- oder DDoS-Angriffe, einfach online einkaufen, ohne selbst Fachwissen in IT-Fragen zu benötigen. Wegen dieser Vereinfachung des Cyber-Crime-Marktes sprach Moritz Huber aus der Stabsstelle für Digitalisierung im Innenministerium Baden-Württemberg auf dem Fachkongress Baden-Württemberg 4.0 von einer “vielfachen Potenzierung der Bedrohungslage” für Unternehmen wie Behörden gleichermaßen: “Wir registrieren inzwischen quasi täglich Angriffe auf unsere Systeme. Bisher waren die Angreifer dabei zwei Mal erfolgreich, sodass Dienste zeitweise ausgefallen sind. Trotzdem sind wir bisher mit einem blauen Auge davongekommen.”

Zusammenarbeit statt Abgrenzung

Um den Umgang mit IT-Sicherheit auf eine neue Stufe zu stellen und sinnvoll zu gestalten, fordert Huber in digitalen Sicherheitsfragen eine Abkehr vom Silodenken: “Wir brauchen eine Zusammenarbeit von Verwaltung, Wirtschaft und Lehre. Mit Teamwork können wir viel mehr gegen diese Bedrohungsszenarien erreichen als alleine.” Um Kooperationen zu fördern, plant das Land im Zuge der Konsolidierung seiner IT-Landschaft unter dem Titel “Cybersecurity@bw” eine Förderung von insgesamt zehn Millionen Euro für Projekte, die sich um das Thema IT-Sicherheit drehen. Zusätzlich soll ein Lagebild erstellt werden, aus dem dann in der Digitalisierungs-Stabsstelle Hilfsangebote und Awareness-Kampagnen erarbeitet werden sollen.

IT-Sicherheit muss auf der Chefetage ankommen

Zu der erhöhten Bedrohungslage hinzu kommt noch der Fakt, dass Technik und Vernetzung heutzutage häufig nicht mehr vollständig kontrollierbar, geschweige denn die dazugehörigen Prozesse für den Menschen komplett verständlich sind. Da gleichzeitig aber fast alles vernetzt wird, von der Mobilität bis hin zum Militär, bieten Hackerangriffe ein riesiges potenzielles Gefährdungspotential, erklärt Reinhard Tencz aus der Stabsstelle für Digitalisierung im Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration Baden-Württemberg: “Umso mehr man die Digitalisierung vorantreibt, desto mehr macht man sich auch davon abhängig. So wird in der Konsequenz auch die Sicherheit immer wichtiger und deswegen muss die Verantwortung für das Thema auch endlich in den Chefetagen ankommen.” In der Managementebene müsse es dabei eine ganzheitliche Betrachtung der IT geben, inklusive einer sinnvollen IT-Sicherheitsstrategie. Zudem müssen laut Tencz weitere Schritte zu einem fundierten internen Know-how bei der IT-Sicherheit gemacht werden, damit die Kriminellen ihren ohnehin vorhandenen Vorsprung nicht noch weiter ausbauen: “Die IT-Webinare im Darknet sind oft sogar besser als die staatlichen Angebote. Da kann man so einiges lernen, zum Beispiel wie Attacken funktionieren und was man aus Sicht der Verteidigung dagegen tun kann.”
Um die stetig wachsenden Sicherheitsanforderungen in Zukunft erfüllen zu können, arbeitet das Land derzeit eine Kooperationsvereinbarung mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) aus. Zusätzlich wird ein BSI-Verbindungsbüro in Stuttgart eingerichtet, welches Beratungsleistungen für die Behörden in Baden-Württemberg anbieten soll.


Für Reinhard Tencz aus der Stabsstelle für Digitalisierung im Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration Baden-Württemberg muss die Verantwortung für IT-Sicherheit weg von den IT-Administratoren und stattdessen direkt in den behördlichen Chefetagen platziert werden. Foto: BS/Orth